Warum Zahnschmerzen nachts schlimmer werden
Nachts unerträglich, morgens wie weggeblasen? Warum das so ist, was in der Nacht sofort hilft und warum ausgerechnet das Nachlassen ein schlechtes Zeichen ist.
Tagsüber war es auszuhalten. Um zwei Uhr nachts sitzen Sie auf der Bettkante und überlegen, ob es eine Notaufnahme gibt.
Das ist kein Zufall und keine Einbildung. Es hat drei Gründe, und der wichtigste davon sagt Ihnen etwas über den Zustand des Zahnes.
Warum ausgerechnet nachts
Erstens, das Liegen. Sobald Sie sich hinlegen, verteilt sich das Blut anders, und der Druck im Kopf steigt. In einem entzündeten Zahn hat dieser zusätzliche Druck nirgendwohin auszuweichen: Die Pulpa, umgangssprachlich der Zahnnerv, liegt in einem geschlossenen Hohlraum aus hartem Zahnbein. Was tagsüber ein Ziehen war, drückt im Liegen direkt auf die Nervenfasern.
Das ist der Hauptgrund, und es ist auch der, gegen den Sie sofort etwas tun können. Dazu unten mehr.
Zweitens, es lenkt nichts mehr ab. Tagsüber überlagern Arbeit, Gespräche und Bewegung einen mittelstarken Schmerz. Nachts liegt er allein im Raum. Die Wahrnehmungsschwelle sinkt messbar, der Schmerz selbst ist nicht stärker geworden.
Drittens, der Tagesrhythmus. Cortisol, das körpereigene entzündungshemmende Hormon, erreicht am frühen Morgen seinen Höchststand und um Mitternacht seinen tiefsten. In den Stunden davor fehlt also ein Teil der körpereigenen Dämpfung. Das erklärt mit, warum es gegen Morgen oft von selbst wieder erträglicher wird.
Was der Nachtschmerz über den Zahn verrät
Hier wird es wichtig, denn dieser Punkt entscheidet darüber, ob Abwarten sinnvoll ist.
Zahnärztlich wird unterschieden, ob sich ein entzündeter Nerv wieder beruhigen kann oder nicht. Der Unterschied lässt sich erstaunlich gut an dem festmachen, was Sie selbst spüren:
Der Nerv kann sich noch beruhigen, wenn der Schmerz einen Auslöser braucht, etwa etwas Kaltes, und nach wenigen Sekunden wieder verschwindet. Das ist unangenehm, aber es ist nicht der Fall, um den es hier geht.
Der Nerv erholt sich in aller Regel nicht mehr, wenn
- der Schmerz ohne Auslöser kommt,
- er nachts auftritt oder Sie aufweckt,
- er nach einem Reiz minutenlang anhält,
- er sich schlecht einem einzelnen Zahn zuordnen lässt.
Genau diese Liste beschreibt den nächtlichen Zahnschmerz. Er ist deshalb kein Zeichen dafür, dass es gerade schlecht läuft, sondern dafür, dass der Zahn eine Behandlung braucht. Er geht nicht weg, weil der Körper die Entzündung in einem geschlossenen Hohlraum nicht selbst abbauen kann.
Wenn Wärme schlimmer und Kälte besser macht
Das ist das Zeichen, bei dem wir am aufmerksamsten werden.
Normalerweise reagiert ein gereizter Zahn empfindlich auf Kälte. Kehrt sich das um, wird also Wärme unerträglich und ein Schluck kaltes Wasser bringt Erleichterung, spricht das für ein fortgeschrittenes Stadium: Im Kanalsystem entstehen Gase, die sich bei Wärme ausdehnen und den Druck weiter erhöhen. Kälte lässt sie zusammenziehen.
Menschen, die nachts mit einem Glas Eiswasser neben dem Bett sitzen, beschreiben genau das. Es ist ein verlässliches Signal, und es gehört zeitnah abgeklärt.
„Abends Schmerzen, morgens wieder weg"
Diese Beobachtung führt regelmäßig zu einem Trugschluss. Wenn der Schmerz von selbst nachlässt und irgendwann ganz ausbleibt, wirkt das wie Heilung.
Es kann aber auch bedeuten, dass der Nerv abgestorben ist. Dann ist kein Gewebe mehr da, das Schmerz melden könnte. Das Problem bleibt und wandert über die Wurzelspitze in den Kieferknochen, meist über Monate und ohne dass Sie etwas merken.
Woran Sie das erkennen, steht im Artikel Woran Sie erkennen, dass ein Zahn abgestorben ist. Die Kurzfassung: Starke Zahnschmerzen, die ohne Behandlung von selbst verschwinden, sind ein Grund zur Untersuchung, nicht zur Erleichterung.
Was in der Nacht wirklich hilft
Den Oberkörper hoch lagern. Das ist die wirksamste Sofortmaßnahme, weil sie am Hauptgrund ansetzt. Zwei Kissen oder ein Sessel statt flach im Bett. Es ist keine Behandlung, aber es verschafft oft die entscheidenden Stunden.
Von außen kühlen, ein Kühlpack im Tuch auf die Wange.
Nicht wärmen. Kein Kirschkernkissen, keine heiße Dusche, kein warmer Wickel. Wärme steigert die Durchblutung und damit genau den Druck, der Sie wach hält.
Keine Tablette auf das Zahnfleisch legen. Sie hilft dem Zahn nicht und verätzt die Schleimhaut.
Zu Schmerzmitteln und dazu, wie Sie die Dringlichkeit einschätzen, steht das Nötige im Artikel Zahnschmerzen am Wochenende. Er gilt für jede Nacht genauso.
Wann es nicht bis zum Morgen warten kann
Fahren Sie in eine Notaufnahme, ohne die Nacht abzuwarten, wenn zu den Schmerzen eines davon kommt:
- eine Schwellung im Gesicht, die zunimmt
- Fieber
- Schluckbeschwerden oder das Gefühl, die Luft werde knapp
- eine Schwellung, die das Auge zudrückt oder sich zum Hals ausbreitet
Dann ist es kein Zahnproblem mehr, sondern eine Entzündung, die sich im Gewebe ausbreitet, und die kann innerhalb von Stunden ernst werden.
Was am nächsten Tag passiert
Der erste Schritt ist die Zuordnung: welcher Zahn, und lebt der Nerv noch. Das klären ein Sensibilitätstest und eine Röntgenaufnahme meist in wenigen Minuten. Gerade bei starken Schmerzen zeigt der Finger erstaunlich oft auf den falschen Zahn.
Steht der Befund, wird der akut entzündete Zahn betäubt und der Druck aus dem Kanalsystem genommen. Für die meisten ist das die spürbarste Erleichterung des ganzen Termins, und der Schmerz, der Sie die Nacht gekostet hat, ist damit meist beendet. Der Rest der Wurzelbehandlung folgt in einer zweiten Sitzung in Ruhe.
Rufen Sie morgens früh an und sagen Sie gleich, dass es akut ist: 0221 123336. Wir behandeln von Montag bis Freitag und versuchen dann, Sie zeitnah unterzubringen.
Kurz gefasst
Zahnschmerzen werden nachts schlimmer, weil im Liegen der Druck im Kopf steigt, weil nichts mehr ablenkt und weil die körpereigene Entzündungsbremse nachts am schwächsten ist. Der Oberkörper hoch gelagert hilft sofort, Wärme macht es schlechter. Wichtiger als jede Sofortmaßnahme ist aber, was der Nachtschmerz bedeutet: Ein Zahn, der ohne Auslöser weh tut und Sie aufweckt, beruhigt sich in aller Regel nicht mehr von selbst.