Der wurzelbehandelte Zahn schmerzt nach Jahren, und was jetzt hilft
Erst jahrelang Ruhe, dann Druckschmerz beim Zubeißen. Warum ein wurzelbehandelter Zahn spät wieder Beschwerden macht und wann eine Revision ihn rettet.
Der Zahn wurde vor zwölf Jahren wurzelbehandelt und hat seitdem nie Probleme gemacht. Dann fängt er an, beim Zubeißen wehzutun. Nicht dramatisch, eher ein dumpfer Druck, und beim Kauen auf harter Kruste ein deutliches Ziehen.
Die erste Reaktion ist fast immer dieselbe: Der Zahn sei wohl am Ende. Das ist er in den meisten Fällen nicht. Ein Zahn, der zwölf Jahre gehalten hat, ist ein guter Zahn. Was ihn jetzt stört, ist meist ein einzelner, benennbarer Defekt, und der lässt sich oft beheben.
Warum ein Zahn ohne Nerv überhaupt noch weh tun kann
Das ist die Frage, die fast alle stellen, und sie ist berechtigt. Der Nerv ist raus, der Zahn ist tot, also müsste er doch schmerzfrei sein.
Der Schmerz kommt auch nicht aus dem Zahn. Er kommt aus dem Gewebe um die Wurzelspitze herum, und das ist sehr wohl lebendig und sehr wohl empfindlich. Dort sitzen Knochen, Bindegewebe und die Fasern, mit denen der Zahn im Kiefer aufgehängt ist.
Wenn im Wurzelkanalsystem Bakterien überleben oder neu hineingelangen, vermehren sie sich dort ungestört. Blut fließt in diesem System keines mehr, also kommt die körpereigene Abwehr nicht hin. Die Bakterien wandern über die Wurzelspitze nach außen, und genau dort trifft sie die Abwehr. Das Ergebnis ist eine Entzündung im Knochen, und die meldet sich als Druckschmerz.
Daraus folgt der wichtigste Satz dieses Textes: Das ist ein Infektionsproblem, kein Verschleißproblem. Der Zahn ist nicht abgenutzt. In ihm ist etwas, das dort nicht hingehört.
Die vier häufigen Ursachen
1. Ein Kanal wurde nie behandelt
Wurzelkanalsysteme sind verzweigter, als das Röntgenbild vermuten lässt. Bei oberen Backenzähnen liegt neben dem gut auffindbaren vorderen Kanal sehr häufig ein zweiter, der eng, gekrümmt und mit bloßem Auge kaum zu erkennen ist. Ohne Vergrößerung wird er regelmäßig übersehen.
Bleibt ein Kanal ungereinigt, bleibt darin die Infektion. Die Behandlung war handwerklich in Ordnung, sie war nur unvollständig. Das ist die mit Abstand häufigste Ursache, und es ist auch die dankbarste: Wird der Kanal gefunden, ist das Problem meist gelöst.
Deshalb ist die Behandlung unter dem Mikroskop hier kein Komfortmerkmal, sondern der Unterschied zwischen finden und nicht finden.
2. Die Versorgung oben ist undicht geworden
Eine Wurzelfüllung ist nur so gut wie das, was auf ihr sitzt. Ist die Krone am Rand undicht, hat die Füllung darüber einen Riss, oder ist neue Karies entstanden, dann laufen Speichel und Bakterien von oben wieder in das Kanalsystem hinein.
Das ist der zweite große Grund für späte Beschwerden, und es erklärt, warum ausgerechnet Zähne Probleme machen, deren Wurzelfüllung auf dem Röntgenbild tadellos aussieht. Die Wurzelfüllung ist nicht das Problem. Der Deckel ist es.
3. Ein Riss im Zahn
Ein wurzelbehandelter Zahn ist spröder als ein vitaler, vor allem wenn viel Substanz fehlt und er nach der Behandlung nur eine normale Füllung bekommen hat statt einer Versorgung, die die Höcker schützt.
Ein senkrechter Riss ist die unangenehmste der vier Ursachen, weil er Bakterien einen dauerhaften Weg bietet und sich nicht abdichten lässt. Er ist auch der Fall, in dem der Erhalt tatsächlich an eine Grenze stößt. Erkennbar ist er oft erst unter Vergrößerung, manchmal erst, wenn die alte Versorgung abgenommen ist.
4. Der Kanal war nicht bis zum Ende zu reinigen
Manchmal steckt ein abgebrochenes Instrument im Kanal, manchmal versperrt eine Stufe oder eine Verkalkung den Weg. Dann ist der letzte Abschnitt nie sauber geworden, und dort sitzt die Infektion.
Das klingt endgültiger, als es ist. Vieles davon lässt sich mit den heutigen Mitteln umgehen oder entfernen.
Woran Sie erkennen, dass es dieser Zahn ist
- Druckschmerz beim Zubeißen, oft am deutlichsten beim Loslassen
- Der Zahn fühlt sich „zu hoch" oder länger an als vorher
- Klopfempfindlichkeit, auch wenn Sie nur leicht mit dem Fingernagel dagegen tippen
- Ein wiederkehrendes Bläschen am Zahnfleisch über der Wurzel. Das ist ein Fistelgang, über den sich Eiter entleert. Er tut selten weh und verschwindet zwischendurch, was viele fälschlich beruhigt
- Keine Reaktion auf Kälte, anders als bei einem Zahn mit lebendem Nerv. Deshalb ist der Kältetest hier kein taugliches Kriterium
- Manchmal gar nichts. Ein erheblicher Teil dieser Entzündungen wird zufällig auf einem Röntgenbild entdeckt
Wenn Sie unsicher sind, ob es überhaupt dieser Zahn ist: Bei Schmerzen im Kiefer zeigt der Finger erstaunlich oft auf den falschen Zahn. Das zu klären ist Aufgabe der Untersuchung, nicht Ihre.
Wie lange hält ein wurzelbehandelter Zahn?
Auf diese Frage gibt es keine Jahreszahl, und wer eine nennt, rät. Die Studienlage schwankt stark, weil sie Zähne in sehr unterschiedlichem Zustand vergleicht.
Was sich dagegen klar sagen lässt, sind die Größen, die darüber entscheiden:
- Wie dicht der Zahn nach oben verschlossen ist. Der wichtigste Einzelfaktor, wichtiger als die Wurzelfüllung selbst.
- Wie viel eigene Zahnsubstanz noch steht. Ein Zahn mit vier erhaltenen Wänden hat eine völlig andere Prognose als ein Stumpf.
- Ob er eine Versorgung bekommen hat, die die Höcker schützt. Gerade Backenzähne brechen sonst irgendwann.
- Ob das Kanalsystem vollständig gereinigt wurde. Siehe Ursache 1.
Ein Zahn, der diese vier Punkte erfüllt, kann Jahrzehnte halten. Ein Zahn, bei dem drei davon nicht stimmen, macht früher oder später Beschwerden, unabhängig davon, wie gut die Wurzelfüllung im Röntgenbild aussieht.
Was eine Revision tut
Bei einer Revision wird der Zahn noch einmal geöffnet und das alte Füllmaterial vollständig entfernt. Dann wird das Kanalsystem unter dem Mikroskop erneut durchgesehen, und zwar mit der ausdrücklichen Frage, was beim ersten Mal übersehen wurde. Gefundene Kanäle werden aufbereitet, das gesamte System gereinigt, desinfiziert und dicht gefüllt.
Und danach kommt der Schritt, der über den Erfolg entscheidet: Der Zahn wird so verschlossen, dass von oben nichts mehr hineinläuft. Eine perfekte Wurzelfüllung unter einem undichten Deckel ist verlorene Arbeit.
In der Regel sind dafür zwei Sitzungen nötig. Zwischen ihnen sitzt eine desinfizierende Einlage im Zahn.
Nicht jeder Fall ist auf diesem Weg zu lösen. Wenn das Kanalsystem von innen nicht erreichbar ist, gibt es weitere Möglichkeiten, die sich aber nur am konkreten Befund besprechen lassen und nicht in einem Ratgebertext.
Revision oder ziehen?
Diese Frage ist berechtigt, und die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an, und zwar auf Dinge, die man sehen muss.
Für den Erhalt spricht meistens, dass die Ursache benennbar und behebbar ist, dass genug Zahnsubstanz steht und dass der Zahn im Knochen fest sitzt. Der eigene Zahn ist über Fasern federnd im Kiefer aufgehängt. Diese Aufhängung lässt sich nicht nachbauen, auch nicht mit einem Implantat.
Gegen den Erhalt spricht ein senkrechter Wurzelriss, zu wenig verbliebene Substanz für eine haltbare Versorgung oder ein Zahn, der zusätzlich parodontal stark geschädigt ist.
Was dagegen kein Argument ist: „Der wurde ja schon mal behandelt." Eine gescheiterte Erstbehandlung sagt nichts über die Aussichten einer Revision, wenn die Ursache erst einmal gefunden ist. Wer sich zwischen beiden Wegen entscheiden muss, findet die längere Abwägung im Artikel Wurzelbehandlung oder Implantat.
Wurde Ihnen bereits geraten, den Zahn zu ziehen, ist eine Zweitmeinung vor diesem Schritt sinnvoll. Ein gezogener Zahn lässt sich nicht zurückholen.
Was jetzt zu tun ist
Lassen Sie den Zahn ansehen, auch wenn der Schmerz zwischendurch verschwindet. Er verschwindet bei dieser Konstellation regelmäßig, ohne dass die Entzündung ausheilt, und der Knochendefekt wächst in dieser Zeit weiter. Je größer er wird, desto aufwendiger die Behandlung und desto unsicherer der Ausgang.
Eine Röntgenaufnahme und eine Untersuchung klären in wenigen Minuten, woran Sie sind. Bringen Sie mit, was Sie wissen: wann der Zahn behandelt wurde, seit wann er stört, und ob es beim Zubeißen oder von selbst weh tut.
Wir behandeln von Montag bis Freitag. Rufen Sie bitte an, bei akuten Beschwerden versuchen wir, Sie zeitnah unterzubringen: 0221 123336.
Kurz gefasst
Ein wurzelbehandelter Zahn, der nach Jahren wieder schmerzt, ist selten verbraucht. In ihm ist eine Infektion, die entweder nie ganz weg war oder von oben neu hineingelaufen ist. Die häufigsten Ursachen sind ein übersehener Kanal und eine undicht gewordene Versorgung, und beide sind behandelbar. Die Entscheidung über Erhalt oder Verlust sollte deshalb nach dem Blick durch das Mikroskop fallen und nicht vorher.