Tut eine Wurzelbehandlung weh? Die ehrliche Antwort
Der Ruf der Wurzelbehandlung stammt aus einer anderen Zeit. Was heute tatsächlich zu spüren ist, wann die Betäubung schlechter wirkt und was dann hilft.
Kaum eine Behandlung hat einen so schlechten Ruf. „Lieber ziehen lassen als eine Wurzelbehandlung" ist ein Satz, den wir regelmäßig hören, und er kostet Menschen Zähne, die zu retten gewesen wären.
Deshalb hier die Antwort ohne Umschweife, und danach die Begründung.
Die kurze Antwort
Eine Wurzelbehandlung tut in aller Regel nicht weh. Der Zahn wird örtlich betäubt, und was danach passiert, spüren Sie nicht. Viele Patientinnen und Patienten schlafen während der Behandlung ein.
Wehgetan hat es meist vorher. Genau das ist der Grund, warum die Behandlung ansteht.
Woher der schlechte Ruf kommt
Zwei Dinge kommen zusammen.
Erstens die Erinnerung an eine andere Zeit. Wer in den Achtzigern oder Neunzigern behandelt wurde, hat eine Wurzelbehandlung ohne Vergrößerung, mit Handinstrumenten und mit den Betäubungsmitteln von damals erlebt. Das war eine andere Behandlung als die heutige. Mikroskop, maschinelle Aufbereitung und moderne Anästhetika haben daran mehr geändert als an den meisten anderen Bereichen der Zahnmedizin.
Zweitens eine Verwechslung, und die ist der eigentliche Kern. Wer zur Wurzelbehandlung kommt, hat in vielen Fällen tagelang starke Schmerzen gehabt. Der Zahn pocht, nachts wird es schlimmer, Schmerzmittel helfen kaum noch. Diese Schmerzen bleiben in Erinnerung, und sie werden der Behandlung zugeschrieben, obwohl sie ihr Anlass waren.
Tatsächlich ist es umgekehrt: Die Behandlung ist der Moment, in dem der Schmerz aufhört.
Warum der Zahn vorher weh tut und dabei nicht
Im Inneren des Zahnes liegt die Pulpa, umgangssprachlich der Zahnnerv, in einem geschlossenen Hohlraum aus hartem Zahnbein. Entzündet sich dieses Gewebe, schwillt es an. Nur kann es nirgendwohin. Der Druck steigt, und dieser Druck ist der pochende Zahnschmerz, den viele als den schlimmsten ihres Lebens beschreiben.
Der erste Schritt der Behandlung öffnet genau diesen Hohlraum. Der Druck entweicht. Für die meisten ist das die spürbarste Erleichterung des ganzen Termins, oft noch im Behandlungsstuhl.
Ist der Nerv bereits abgestorben, gibt es im Zahn ohnehin nichts mehr, was Schmerz melden könnte. Betäubt wird trotzdem, weil das Gewebe rund um die Wurzelspitze sehr wohl empfindlich ist.
Die Ausnahme, die ehrlich dazugehört
Es gibt eine Situation, in der die Betäubung schlechter wirkt, und darüber sollte man nicht hinweggehen: bei einer stark entzündeten Pulpa.
Der Grund ist chemisch. Entzündetes Gewebe ist saurer als gesundes, und ein örtliches Betäubungsmittel wirkt in saurer Umgebung schlechter, weil weniger davon in die Nervenfaser gelangt. Das ist bekannt, gut untersucht und kein Zeichen dafür, dass etwas falsch gemacht wurde.
Wichtiger ist, was dann passiert. Es gibt mehrere Wege, und sie funktionieren:
- Länger warten, bis die Betäubung vollständig angeschlagen hat, statt zu früh zu beginnen
- Zusätzlich direkt am Zahnhalteapparat betäuben, also unmittelbar neben der Wurzel
- Von innen nachbetäuben, sobald der Zahn eröffnet ist
- Ein anderes Vorgehen bei der Injektion, etwa eine Leitungsanästhesie im Unterkiefer statt einer örtlichen
Der einzige Fehler wäre, es auszuhalten. Wenn Sie etwas spüren, sagen Sie es. Es gibt keinen Grund, tapfer zu sein, und es gibt eine Lösung.
Was Sie selbst tun können
Sagen Sie vorher, wenn Sie Angst haben. Das ist keine Schwäche, sondern eine für die Behandlung wichtige Information. Wer weiß, dass jemand angespannt ist, plant anders: mehr Zeit, mehr Erklärung, früher nachfragen.
Vereinbaren Sie ein Zeichen. Eine gehobene Hand genügt. Dann wird angehalten, ohne dass Sie etwas sagen müssen, was mit Kofferdam ohnehin schwierig wäre.
Kommen Sie nicht nüchtern und nicht übermüdet. Beides senkt die Schmerzschwelle spürbar.
Nehmen Sie kein Aspirin auf Verdacht. Acetylsalicylsäure hemmt die Blutgerinnung. Andere rezeptfreie Schmerzmittel sind vorher unproblematisch, im Zweifel fragen Sie in der Apotheke.
Was während der Behandlung unangenehm sein kann
Ehrlich benannt, damit Sie nicht überrascht werden. Schmerz ist es nicht, unangenehm kann es trotzdem sein:
- Der Kofferdam, der Spanngummi, der den Zahn vom Mundraum trennt. Manche empfinden ihn als beengend. Er ist der Grund, warum kein Speichel in das gereinigte Kanalsystem gelangt, also nicht verhandelbar, aber man gewöhnt sich meist innerhalb von Minuten daran.
- Die Dauer. Eine Sitzung dauert 60 bis 90 Minuten. Der Mund ist die ganze Zeit geöffnet, und das merkt der Kiefer.
- Das Geräusch der maschinellen Aufbereitung. Kopfhörer sind erlaubt und ausdrücklich erwünscht.
Und danach?
Ein paar Tage Druckempfindlichkeit beim Zubeißen sind normal und lassen sich mit einem üblichen Schmerzmittel gut auffangen. Wann das erwartbar ist und wann nicht, steht ausführlich im Artikel Schmerzen nach der Wurzelbehandlung.
Wurzelbehandlung oder ziehen, was tut mehr weh?
Diese Frage steht oft dahinter, wenn jemand sagt, er lasse den Zahn lieber ziehen.
Beides geschieht unter Betäubung, insofern nimmt sich der Eingriff selbst wenig. Der Unterschied liegt danach. Nach einer Wurzelbehandlung ist der Zahn ein paar Tage druckempfindlich. Nach einer Extraktion bleibt eine Wunde im Knochen, die heilen muss, und darauf folgt die Frage, wie die Lücke versorgt wird.
Wer beides gegeneinander abwägt, findet die längere Betrachtung im Artikel Wurzelbehandlung oder Implantat. Wurde Ihnen bereits geraten, den Zahn zu ziehen, ist eine Zweitmeinung vorher sinnvoll. Ein gezogener Zahn kommt nicht wieder.
Kurz gefasst
Die Wurzelbehandlung selbst tut unter Betäubung in aller Regel nicht weh. Was weh tut, ist der entzündete Zahn davor, und die Behandlung beendet genau das. Wirkt die Betäubung bei stark entzündetem Gewebe schlechter, ist das bekannt und lösbar, vorausgesetzt, Sie sagen Bescheid. Die Behandlung selbst ist heute eine andere als die, von der der schlechte Ruf stammt.