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Welches Schmerzmittel bei Zahnschmerzen hilft, und welches nicht

Ibuprofen, Paracetamol oder beides zusammen? Was die Studienlage dazu sagt, warum Aspirin heikel ist und wann ein Schmerzmittel die Ursache nur zudeckt.

23. September 2026 · 7 Minuten Lesezeit · Fachlich geprüft von Prof. Dr. med. dent. Michael A. Baumann

Es ist kurz nach drei, Sie stehen vor dem Medikamentenschrank, und die Frage ist nicht, ob Sie etwas nehmen. Die Frage ist, was.

Die kurze Antwort steht gleich im nächsten Absatz. Die längere erklärt, warum ausgerechnet bei Zahnschmerzen ein Mittel ans Ziel kommt, das viele für das schwächere halten, und warum selbst das beste Schmerzmittel bei einem entzündeten Zahnnerv irgendwann an eine Grenze stößt.

Was tatsächlich am besten wirkt

Bei Zahnschmerzen wirken entzündungshemmende Schmerzmittel besser als rein schmerzstillende. Der Grund ist der Schmerz selbst: Ihm liegt fast immer eine Entzündung zugrunde. Ibuprofen hemmt sie mit, Paracetamol kaum.

Wie deutlich der Unterschied ist, zeigt eine Übersichtsarbeit der Cochrane-Gruppe mit sieben Studien und 2.241 Teilnehmenden: Ibuprofen in der rezeptfreien Standardstärke linderte zuverlässiger als Paracetamol in der deutlich höheren Standarddosis. Untersucht wurde dabei der Schmerz nach einer Weisheitszahn-Operation, nicht der unbehandelte Zahnschmerz zu Hause. Übertragen lässt sich das Ergebnis trotzdem, weil in beiden Fällen eine Entzündung den Schmerz macht.

Am besten wirkt allerdings beides zusammen. Dieselbe Übersichtsarbeit fand die Kombination wirksamer als jeden der beiden Wirkstoffe allein. Die amerikanische Zahnärztevereinigung hat 2024 eine evidenzbasierte Leitlinie zur Behandlung akuter Zahnschmerzen veröffentlicht und empfiehlt für Erwachsene genau das als erste Wahl: ein entzündungshemmendes Mittel, allein oder zusammen mit Paracetamol. Auch die Arzneimittelkommission Zahnärzte der Bundeszahnärztekammer nennt in ihrer Ausgabe von 2025 die Kombination aus beidem als das, was bei Zahnschmerzen am besten lindert.

Der Vorteil liegt weniger in der Stärke als in der Dauer. In den Zulassungsstudien eines fertigen Kombinationspräparats, ebenfalls nach zahnärztlichen Eingriffen, hielt die Wirkung gut neun Stunden an, gegenüber vier bis fünf Stunden bei Paracetamol allein. Für eine Nacht ist das der entscheidende Unterschied.

Was Sie ohne Rezept bekommen

Der Gesetzgeber zieht die Grenze, nicht die Apotheke:

  • Ibuprofen ist bis 400 Milligramm je Einzeldosis und 1.200 Milligramm am Tag von der Verschreibungspflicht ausgenommen. Alles darüber, also die bekannten 600er und 800er Tabletten, braucht ein Rezept.
  • Paracetamol ist bis zu einer Gesamtmenge von 10 Gramm je Packung rezeptfrei. Diese Grenze gilt seit 2009 und hat einen ernsten Hintergrund: Sie soll Vergiftungen erschweren.
  • Metamizol, oft unter dem Namen Novalgin bekannt, ist durchgehend verschreibungspflichtig, ebenso die Opioide, die gegen Schmerzen eingesetzt werden, etwa Tramadol, Tilidin oder Morphin.
  • Die Kombination gibt es fertig und ebenfalls ohne Rezept. Die Verschreibungsverordnung nennt sie ausdrücklich: 200 Milligramm Ibuprofen zusammen mit 500 Milligramm Paracetamol je Tablette, für die kurzzeitige Behandlung leichter bis mäßiger Schmerzen. Wer beides ohnehin nehmen würde, muss also nicht selbst mischen.

Ob und in welcher Menge ein Mittel für Sie passt, hängt von Vorerkrankungen und anderen Medikamenten ab. Das klären Sie über die Packungsbeilage oder in der Apotheke, nicht über einen Ratgebertext. Ibuprofen ist unter anderem bei Magengeschwüren, schwerer Herzschwäche, schweren Leber- oder Nierenerkrankungen und im letzten Schwangerschaftsdrittel nicht geeignet.

Aspirin: der Sonderfall, den viele falsch machen

Acetylsalicylsäure, also Aspirin, hemmt die Blutgerinnung, und zwar nicht nebenbei: Sie schaltet einen Baustein der Blutplättchen dauerhaft aus. Die Wirkung hält deshalb so lange an, wie die Blutplättchen leben, also etwa acht bis elf Tage. Vor einer Behandlung, bei der etwas blutet, ist das ungünstig.

Daraus wird oft ein falscher Rat: Aspirin vor dem Zahnarzttermin abzusetzen. Wenn Sie ASS in niedriger Dosis auf ärztliche Anordnung nehmen, etwa nach einem Herzinfarkt, setzen Sie es nicht eigenmächtig ab. Die zahnärztliche S3-Leitlinie zur Behandlung unter Blutverdünnung rät davon ausdrücklich ab, weil das Risiko durch das Absetzen größer ist als die Blutung im Mund. Sie ist von 2017 und im Leitlinienregister inzwischen als abgelaufen geführt, ohne dass es eine Neufassung gäbe; in der Sache gilt die Empfehlung unverändert. Sagen Sie in der Praxis einfach Bescheid, was Sie nehmen.

Gemeint ist etwas anderes: Greifen Sie gegen akute Zahnschmerzen nicht zur Aspirintablette, wenn es Alternativen gibt.

Was Sie auf keinen Fall tun sollten

Legen Sie keine Tablette auf das Zahnfleisch. Das ist das verbreitetste und zugleich schädlichste Hausmittel. Aspirin ist eine Säure, und in direktem Kontakt mit der Schleimhaut verätzt sie das Gewebe. In der Fachliteratur hat das einen eigenen Namen, und die Wunde braucht danach ein bis zwei Wochen, bis sie abheilt. Dem Zahn hilft sie kein bisschen, denn der Wirkstoff muss über das Blut ankommen, nicht über die Wange.

Nelkenöl ist beliebter, als es verdient. Es betäubt kurz, hemmt die Entzündung aber kaum, kann Kontaktallergien auslösen und das Gewebe reizen. Ein Zahnarzt rät im Verbraucherportal der deutschen Apotheker aus genau diesen Gründen zur Vorsicht.

Alkohol, Wärme und Nikotin machen es schlechter. Wärme steigert die Durchblutung und damit den Druck im Zahn, und genau der Druck ist der Schmerz.

Was hilft, ist unspektakulär: von außen kühlen, den Oberkörper hoch lagern. Mehr dazu steht im Artikel über Zahnschmerzen am Wochenende.

Warum irgendwann kein Mittel mehr reicht

Hier liegt der Punkt, den kaum eine Ratgeberseite ausspricht.

Der Zahnnerv liegt in einem geschlossenen Hohlraum aus hartem Zahnbein. Schwillt entzündetes Gewebe dort an, kann der Druck nirgendwohin ausweichen und presst direkt auf die Nervenfasern. Ein Schmerzmittel dämpft die Entzündung ein Stück weit, aber es nimmt diesen Druck nicht weg.

Deshalb gibt es diesen typischen Verlauf: Erst reicht eine Tablette, dann reichen zwei nicht mehr, und irgendwann ist der Schmerz nachts wieder da. Warum er gerade im Liegen zunimmt, steht im Artikel über Zahnschmerzen in der Nacht.

Und wenn der Schmerz ohne Behandlung von selbst aufhört, ist das kein gutes Zeichen, sondern meist der Moment, in dem der Nerv abgestorben ist. Woran Sie das erkennen, steht unter Zahn abgestorben.

Ein Antibiotikum ist übrigens kein Ersatz, es ist nicht einmal ein Schmerzmittel. Warum es bei einem entzündeten Zahn meist nichts ausrichtet, steht unter Antibiotika bei Zahnentzündung.

Dürfen Sie vor dem Zahnarzttermin etwas nehmen?

Ja. Sie müssen nicht mit Schmerzen im Wartezimmer sitzen, damit man Ihnen glaubt.

Sagen Sie nur, was Sie wann genommen haben. Das ist aus einem Grund wichtig, der wenig bekannt ist: In entzündetem Gewebe wirkt die örtliche Betäubung schlechter. Ein akut entzündeter Zahn gilt in der Zahnmedizin als klassischer Fall für Betäubungsversagen. Wer das weiß, plant es ein und hat Techniken dafür. Wer es nicht weiß, hält zu früh für ausreichend, was noch nicht wirkt.

Wann Schmerzmittel zum Problem werden

Zwei Dinge sollten Sie kennen, bevor Sie eine Woche überbrücken.

Der Magen und die Nieren. Bei kurzer, richtig dosierter Einnahme sind ernste Nebenwirkungen entzündungshemmender Mittel selten. Bei hoher Dosis über lange Zeit bekommen nach Angaben des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen etwa ein bis zwei von hundert Personen schwere Magen-Darm-Probleme, bis hin zu Blutungen.

Der Kopfschmerz, den die Tabletten selbst machen. Wer ohnehin zu Migräne oder wiederkehrenden Kopfschmerzen neigt und an mindestens 15 Tagen im Monat über mehr als drei Monate ein einfaches Schmerzmittel nimmt, riskiert zusätzlich einen Kopfschmerz durch Übergebrauch. Bei Kombinationspräparaten und Opioiden reichen dafür schon zehn Tage. Das ist eine eigene Diagnose mit eigener Leitlinie, und sie betrifft in Deutschland etwa 0,7 bis 1 Prozent der Bevölkerung.

Beides spricht für dasselbe: Schmerzmittel sind eine Brücke bis zum Termin, kein Dauerzustand.

Schwangerschaft und Kinder

In der Schwangerschaft gilt Paracetamol nach Angaben des Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie der Charité in jeder Phase als Mittel der Wahl, wenn Schmerzen behandelt werden müssen. Ibuprofen gehört in den ersten beiden Dritteln ebenfalls dazu, ab dem letzten Drittel darf es nicht mehr angewendet werden.

Bei Kindern sind Paracetamol und Ibuprofen die geeigneten Wirkstoffe. Acetylsalicylsäure gehört bei Kindern nur auf ausdrückliche ärztliche Anweisung gegeben, wegen einer seltenen, aber schweren Komplikation.

Wann es kein Fall für Tabletten mehr ist

Fahren Sie in eine Notaufnahme, auch wenn ein Schmerzmittel gerade wirkt, sobald eines davon dazukommt:

  • eine Schwellung, die zunimmt oder sich Richtung Auge oder Hals ausbreitet
  • Fieber oder ein deutliches Krankheitsgefühl
  • Schluckbeschwerden, eine kloßige Sprache oder Luftnot
  • ein Mund, der sich kaum noch öffnen lässt

Das sind die Zeichen dafür, dass sich eine Zahninfektion im Gewebe ausbreitet. Sie kann die Atemwege einengen, und ein Schmerzmittel verdeckt dabei genau das Warnsignal, auf das es ankommt.

Was die Schmerzen wirklich beendet

Der Zahn selbst. Steht der Befund, wird der akut entzündete Zahn betäubt, eröffnet und der Druck aus dem Kanalsystem genommen. Für die meisten ist das die spürbarste Erleichterung des ganzen Termins, und die Tabletten braucht es danach meist nur noch ein, zwei Tage. Der Rest der Wurzelbehandlung folgt in Ruhe.

Rufen Sie an und sagen Sie gleich, dass es akut ist: 0221 123336. Wir behandeln von Montag bis Freitag und versuchen, Sie zeitnah unterzubringen.

Kurz gefasst

Bei Zahnschmerzen wirkt ein entzündungshemmendes Mittel besser als ein rein schmerzstillendes, und beide zusammen wirken besser als jedes allein, vor allem länger. Aspirin ist wegen der Blutgerinnung die schlechteste Wahl gegen akute Zahnschmerzen, gehört aber nicht eigenmächtig abgesetzt, wenn es ärztlich verordnet ist. Keine Tablette auf das Zahnfleisch, kein Nelkenöl als Ersatz, keine Wärme. Und wenn die Dosis von Tag zu Tag steigt, ist das kein Fall für die nächste Packung, sondern für einen Termin.

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